Ich halte meine Mobbingerfahrungen noch heute für den Hauptauslöser für meine psychische Erkankung und meine Vorsicht im Umgang mit Menschen. Alles begann als ich damals einen Schulwechsel vollzogen habe.
Meine Grundschulzeit und die erste Zeit auf der weiterführenden Schule verliefen problemlos. Ich hatte gute soziale Kontakte und in der fünften Klasse auf der Hauptschule bin ich von vielen Klassenkameraden gemocht worden. Damals war mein größtes Ziel auf die Realschule zu wechseln - ich hatte ja das Ziel eines Tages ein Studium zu beginnen. Nach einem halben Jahr auf der Hauptschule stellte sich heraus, dass ich definitiv das Zeug dazu habe. Da einige Mitschüler das gleiche Ziel verfolgten, haben wir Lerngruppen gebildet und uns gegenseitig unterstützt. Nach dem ersten Jahr wechselte ich, gemeinsam mit einigen Mitschülern, auf die Realschule.
Da das Gebäude der Realschule direkt neben meiner alten Schule lag, war der Fahrtweg keine Umstellung. Allerdings war ich jetzt der neue in einer Klasse, in der sich alle bereits seit einem Jahr kannten. Von meiner alten Klasse war ich es noch gewohnt, dass alle sehr freundlich und nett gewesen waren. Dementsprechend bin ich mit der gleichen Haltung auch auf die neuen Mitschüler zugegangen. Doch es dauerte nicht lange, bis sich die Stimmung kippte und sich Gruppendynamiken entwickelten, die mir nicht gerade offen entgegen getreten sind.
Es fing damals mit eher harmlosen Streichen und Sprüchen an. Mit der Zeit nahmen diese jedoch in der Intensität und Häufigkeit zu. Hinzu kam, dass die alten Klassenkameraden aus der Hauptschule plötzlich auch ein Problem mit mir hatten - bis heute bin ich mir nicht ganz sicher was da in den sechs Wochen Sommerferien passiert ist. Jedenfalls waren seither Beleidgungen wie du bist hässlich oder du stinkst an der Tagesordnung. Später folgten auch Anspucken, Tritte und Schläge - nicht so das es ernste Verletzungen hinterlassen hätte aber dennoch hat es einen bleibenden Eindruck hinterlassen.
An zwei extreme Situationen kann ich mich bis heute noch erinnern. Die erste spielte sich an der Bushaltestelle ab. Nachdem die Schule zu ende gewesen war, warteten wir auf den Bus. Auch an diesem Tag gab es bereits Sprüche von Mitschülern. Deshalb war ich schon ziemlich fertig und wollte eigentlich nur noch schnell nach Hause. Doch meine Mitschüler hielten mich fest und haben mich nicht einsteigen lassen. Ich verpasste meinen Bus und musste eine weitere Stunde auf den Bus warten, während die anderen entspannt nach Hause gefahren sind.
DIe zweite Situation spielte sich vor unserem Chemieraum nach der großen Pause ab. Dort mussten wir immer noch ca. fünf Minuten warten, bis der Lehrer kam und diesen aufgeschlossen hat. An diesem Tag stand ein Fenster offen woraufhin einer der Mitschüler zu mir meinte warum ich nicht einfach da raus springe - ich sei ja eh nichts wert.
Einige dieser Erfahrungen haben mir noch lange Zeit nach der Realschule Probleme bereitet oder haben bis heute bestand - das ich mich nach 8 Jahren immer noch an diese Situationen erinnern kann zeigt, dass sie noch nicht (ganz) verarbeitet wurden. Tatsächlich hatte ich lange Zeit damit Probleme vor anderen Menschen zu essen und bis heute braucht es extrem lange bis ich Menschen wirklich vertraue. Auch mit dem Sprechen in Gruppen habe ich immer wieder Probleme - kein Wunder wenn früher alles was man getan oder gesagt hat gegen dich verwendet wurde.
Trotz all diesen Erfahrungen habe ich aber nie etwas zu jemandem gesagt - das Gegenteil war der Fall. Ich habe sogar versucht immer mehr in die Gruppe zu kommen. Was genau der Grund dafür war, kann ich noch nicht genau sagen. Vermutlich war die Vorstellung irgendwelche Sprüche aushalten zu müssen besser als die Pausen ganz allein zu verbringen.
Das Mobbing ging über die vier vollen Jahre der Realschule ohne das ich großartig etwas dagegen unternommen habe. Vorgestellt meine Mobber mal körperlich anzugehen hatte ich zwar doch ich habe es nie wirklich durchgezogen - im nachhinein hätte ich das mal besser getan. Irgendwie hat meine Erziehung mich aber daran gehindert.
Die vier Jahre waren nicht alle gleich schlimm. Ab der 8 Klasse versuchten sich einige Mitschüler auch mal dagegen zu stellen, wenn mich wieder irgendwelche Sprüche getroffen haben. Allerdings nie zu 100% - wahrscheinlich hatten sie die Befürchtung auch in die Schusslinie zu geraten.
Früher habe ich mir die Schuld gegeben, dass ich einfach nicht genug bin und allgemein jemand, mit dem andere nichts zu tun haben wollen. Wahrscheinlich ist es wahr was meine Mitschüler zu mir sagen. Doch heute sehe ich das etwas differenzierter. Auch wenn ich heute noch erheblich unter den Nachwirkungen leide, denke ich mittlerweile, dass nicht ich das Problem war sondern das Selbstbild meiner Mitschüler. Vielleicht hatten meine Mobber mit Problemen im Elternhaus zu kämpfen oder es gab einfach Schwächen, die sie auf diese Weise versucht haben zu kompensieren.
Mein Rat an mein jüngeres Ich und an alle da draußen, die die gleichen Erfahrungen gemacht haben ist, sich Hilfe zu holen. Sprecht mit Vertrauenspersonen oder wehrt euch, wenn ihr die Kraft dazu habt. Zeigt man seinem Gegenüber klare Grenzen auf wird das Mobbing in den meisten Fällen sofort aufhören. Tut man nichts dergleichen, kann das dazu führen, dass man noch Jahre nach dem Mobbing davon negativ beeinflusst wird.
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