
Im nachfolgenden Beitrag möchte ich einmal versuchen, so verständlich wie möglich zu erklären, wie sich eine Depression für einen Betroffenen anfühlt. Da ich in letzter Zeit wieder in einer, aus meiner Wahrnehmung, starken Depression war und die Erinnerungen daher noch relativ frisch sind, versuche ich hier mal, alles festzuhalten.
Der allgemeine Grundton in einer Depression ist bei mir grau. Alles fühlt sich gedämpft an. Meistens scheint die Zeit kaum zu vergehen, und gleichzeitig rast der Tag an einem vorbei.
Ich schleppe mich durch den Alltag, ohne genug Energie dafür zu haben. Man kann das vielleicht mit den letzten Kilometern nach einem Ausdauerlauf vergleichen, nur dass es sich nicht um einen positiven Kampfgeist handelt. Es geht nur darum, irgendwie zu funktionieren und so den Tag zu überstehen.
🧠 Konzentrationsstörung #
Da mein Gehirn mit so vielen unterschiedlichen Gedanken gefüllt ist, kann ich mich nicht richtig auf ein Thema konzentrieren. Bei der Arbeit wird mir das immer bewusst, wenn ich versuche, Softwarecode zu verstehen. Ich klicke mich durch die Dateien, und schon beim Klick auf eine neue Datei habe ich vergessen, was ich hier eigentlich lesen wollte.
🔀 Zerrissenheit & Entscheidungsprobleme #
Aufgrund der verschiedenen Gedanken fällt es mir schwer, Entscheidungen zu treffen. Meistens bin ich hin- und hergerissen. Ist das das Richtige? Was ist wohl die beste Entscheidung?
Ein Beispiel dafür ist, wenn ich auf der Arbeit bereits so von den anderen Symptomen erschöpft bin, dass ich am liebsten sofort gehen will. Das endet häufig in inneren Konversationen wie “Ich nehme den nächsten Zug” > “Ach nein, es geht noch eine Stunde” > “Soll ich jetzt Feierabend machen?”
🌀 Unruhe & Getriebenheit #
Viele Gedanken führen zwangsläufig dazu, dass sich eine starke Unruhe in mir breitmacht. Ich tigere viel herum und kann mich kaum eine Stunde an meinem Platz auf der Arbeit halten. Ständig habe ich das Gefühl, irgendwo anders sein zu müssen, nur nicht dort, wo ich gerade bin. Die Getriebenheit hat kein klares Ziel. Vielmehr scheint sie ein Ausdruck des Gedankenchaos in meinem Kopf zu sein. Durch die Unruhe steigt mein Zigarettenkonsum, was zwangsläufig dazu führt, dass ich noch unruhiger werde.
🥊 Kämpfende Spitzen #
An manchen Abenden kommt es zu einem kurzen Umbruch in der Stimmung, meistens nach einem besonders schweren Tag mit viel Stress. Dann kehrt sich mein Zustand für ein paar Stunden um (ob das Teil der Bipolarität ist, keine Ahnung). So eine Phase beginnt meistens mit einem “Ich lasse mich nicht unterkriegen” oder “Jetzt reicht es”. Dann folgen einige Stunden, in denen ich meistens extrem überdreht bin, dafür aber eine bessere Stimmung habe. Die Konzentrationsstörungen und die Unruhe sind weiterhin präsent und teilweise sogar noch stärker.
Jede dieser Phasen endet spätestens am nächsten Morgen mit einem harten Aufschlag in der Realität.
🫙 Innere Leere #
Dieser Punkt ist wahrscheinlich das bezeichnendste Merkmal einer Depression. Für mich ist die innere Leere ein dauerhaft präsentes Symptom in meinen depressiven Phasen. Es fühlt sich an, als wäre nichts in mir. Alles Gelernte, Erlebte und jede positive Emotion ist verschwunden.
Diese innere Leere nimmt mir jedes Gefühl für Zusammenhänge. Es ist, als gäbe es nur die Sekunde, in der ich gerade bin. Was eben war oder gleich kommt, hat keine Bedeutung mehr.
😨 Angst, gesehen zu werden #
In einer Depression fällt es mir besonders schwer, mit bekannten Menschen Blickkontakt zu halten, aus Angst, jemand könnte dadurch sehen, wie es mir wirklich geht. Grundsätzlich vermeide ich in so einer Phase eher den Kontakt mit Menschen. Sollte es aber doch dazu kommen, kapsle ich mich in der Situation weitestgehend ab.
Ein direkter Blickkontakt fühlt sich an wie ein Treffer an einer verwundbaren Stelle in meinem Inneren.
🗣️ Sprachprobleme #
Da ich bei einer Depression tausend Gedanken im Kopf habe und gleichzeitig die Energie sowie eine klare Entscheidungsfindung fehlen, fällt es mir schwer, mich auszudrücken. In dem Moment sind die inneren Gedanken einfach lauter. Das Ergebnis ist oft langes Gestammel.
Die beste Analogie, die mir dazu einfällt, wie ich mich in dem Moment innerlich fühle: Es ist, als würde man einer Person bei einem Schlaganfall zusehen.
🔮 Zukunftssorgen #
Auch das spielt eine Rolle. Da man nichts Positives mehr in seinem eigenen Leben findet, fragt man sich, wie die eigene Zukunft überhaupt aussehen wird. Das klingt paradox, denn ich habe vorher beschrieben, dass ich nur in der aktuellen Sekunde lebe. Vielleicht ist es das aber gar nicht: Wenn schon die unmittelbar nächsten Minuten keine Bedeutung haben, worauf soll man sich in der Zukunft dann freuen?
Ein konkretes Beispiel sind meine Sorgen, wie es mit mir in der Arbeitswelt weitergehen soll. Da ich mich so fühle, als hätte ich nie etwas zustande gebracht, stelle ich mir die Frage, welchen Wert ich überhaupt liefern kann. Daraus ergibt sich früher oder später eine Einstellung, in der es mir egal ist, was passiert – im negativen Sinne.
Es ist mir egal, ob ich nie mehr Spaß an meinem Job empfinden werde, ihn verliere oder für immer arbeitslos bleiben werde. Es ist schließlich vorprogrammiert, dass das schlechteste Szenario eintreten wrid.
👎 Alles wird negativ interpretiert #
Jeder kleine Fehler, jeder merkwürdige Blick eines Menschen wird damit gleichgesetzt, dass mit mir als Person etwas nicht stimmt.
Beispielsweise kann es sein, dass morgens ein Kollege einfach mal nicht "Guten morgen" sagt, weil er gerade auf dem Weg zwischen zwei Meetings ist. Das interpretiert mein Kopf gerne als die Antwort auf etwas falsches, was ich gesagt oder getan habe - auch wenn da nichts gewesen ist. Das kann auf einen Tag folgen, an dem wir noch eine super Unterhaltung zu einem Thema geführt haben.
🤝 Was Angehörigen helfen kann #
Ich fühle mich in einer Depression wert- und nutzlos. Ich finde keine positiven Lösungswege für meine Sorgen und Probleme. Nach Hilfe zu fragen kommt für mich einfach nicht in Frage, weil ich denke, ich würde meinen Mitmenschen damit nur auf den Zeiger gehen und ihnen mit meinem belanglosen Leben ihre wertvolle Zeit rauben.
Als Angehöriger oder Freund kann das oft als ablehnendes Verhalten wahrgenommen werden. In vielen Fällen ist aber das Gegenteil der Fall: Ich hoffe im Geheimen, dass ein Freund oder Verwandter einfach auftaucht, damit ich mit den Sorgen nicht allein bin. Es geht nicht darum, in der depressiven Phase den Unterhalter zu spielen. Vielmehr geht es darum, dass ich nicht allein in meiner negativen Gedankenspirale feststecke.
Das hier ist mein persönlicher Erfahrungsbericht und keine Diagnose oder Behandlungsempfehlung. Jeder erlebt eine Depression anders. Wenn du dich in meinen Zeilen wiedererkennst, sprich bitte mit jemandem darüber, zum Beispiel mit deinem Hausarzt, einer Therapeutin oder einem Therapeuten oder einer Person, der du vertraust.
Wenn es dir sehr schlecht geht oder du an deinem Leben zweifelst, warte nicht ab. Die Telefonseelsorge ist kostenlos und rund um die Uhr erreichbar, telefonisch unter 0800 111 0 111 oder 0800 111 0 222 sowie per Chat und Mail über telefonseelsorge.de. In einer akuten Notlage erreichst du den Rettungsdienst unter 112. Die Deutsche Depressionshilfe bietet außerdem Informationen und ein Info-Telefon für Betroffene und Angehörige.
Du bist damit nicht allein🤗
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